Bayers koloniale Fantasie: Wenn das Imperium einen Laborkittel trägt

Bayer

Bayer verkauft kein Saatgut. Es verkauft Gehorsam.

Das in die Sprache der Innovation verpackte Modell von Bayer ist ein geschlossener Kreislauf: Geschütztes Saatgut, das geschützte Herbizide erfordert, gebündelt mit digitalen Hinweisen und „klimafreundlichem“ Branding. Es ist kein Produkt – es ist ein Protokoll. Und wenn man es einmal angenommen hat, ist es schwer, es wieder zu verlassen.

In Indien hat Bayer einen großen Fußabdruck. Über seine Division Crop Science (Abteilung für Nutzpflanzenwissenschaft – Bayers Pflanzenschutzsparte, die auf den Gebieten Saatgut, Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung inner- und außerhalb der Landwirtschaft tätig ist) erreicht das Unternehmen mehr als 30 Millionen Kleinbauern und bietet integrierte landwirtschaftliche Lösungen“ an, die höhere Erträge, bessere Einkommen und Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel versprechen. Aber diese Lösungen sind nicht neutral. Es handelt sich um technisch bedingte Abhängigkeiten, die darauf ausgelegt sind, die Gewinnspannen zu erhöhen.

Die Vorzeigeprodukte des Unternehmens – herbizidtolerante Baumwolle (in Vorbereitung), Hybridmais und gebündelte Inputpakete – verändern die Landwirtschaft von Grund auf. Saatgut wird nicht mehr aufbewahrt. Unkraut wird nicht mehr durch Fruchtfolge oder Zwischenfruchtanbau bekämpft, sondern chemisch unterdrückt. Der Landwirt wird zum Kunden, nicht zum Anbauer.

Und die Folgen sind weitreichend.

Im Jahr 2021 nahm eine Reihe von Kleinbauern in Karnal, Haryana, am Bayer-Pilotprogramm „Integrierte Betriebslösung“ teil. Laut einer detaillierten Fallstudie, die von Focus on the Global South veröffentlicht wurde, wurden diese Landwirte ermutigt, ein gebündeltes Paket anzunehmen: Eigenes Saatgut, Herbizide, digitale Beratung und ertragsabhängige Unterstützung bei den Betriebsmitteln. Das Argument war bekannt – höhere Erträge, intelligentere Landwirtschaft, geringeres Risiko.

Was folgte, war jedoch eine langsame Verschärfung der Abhängigkeit.

Die Verträge boten keine Preisgarantien. Die Inputs banden die Landwirte an das Ökosystem von Bayer. Und wenn sich die Niederschlagsmuster änderten oder Schädlinge die vorgeschriebenen Behandlungspläne übertrafen, mussten die Landwirte die Folgen ausbaden. Einige mussten Ernteausfälle hinnehmen, hatten wachsende Schulden bei lokalen Händlern und keinen klaren Regressanspruch.

Ein Landwirt, der in dem Bericht nicht namentlich genannt wird, versuchte in der folgenden Saison, zu traditionellen Anbaumethoden zurückzukehren. Aber die Bodenchemie hatte sich verändert. Auch das Unkraut hatte sich verändert. Das Bayer-Paket hatte mehr bewirkt als eine Umstrukturierung des Betriebs – es hatte die Bedingungen der Landwirtschaft selbst verändert.

Dies ist kein Einzelfall. In ganz Indien verändert das Bayer-Modell die Anbaumuster, schränkt die Artenvielfalt ein und untergräbt das agrarökologische Wissen. Illegale herbizidtolerante Baumwolle (die nicht von Bayer stammt, aber Bayer hat die Zulassung von HT-Baumwolle in Indien beantragt, und die Entscheidung steht noch aus) hat beispielsweise zum Niedergang von Zwischenfruchtsystemen geführt, die einst die Ernährungssicherheit und die Bodengesundheit förderten. Landwirte, die früher neben Baumwolle auch Hülsenfrüchte anbauten, müssen nun feststellen, dass diese Kulturen von denselben Chemikalien unterdrückt werden, die eine „Unkrautbekämpfung“ versprechen.

Bayer bezeichnet Indiens Landwirtschaft als „rückständig“. Damit impliziert das Unternehmen, dass die einheimische Landwirtschaft, die auf Jahrtausende altem Wissen basiert, mangelhaft ist und „entwickelt“ werden muss. Und der Staat ist mitschuldig.

Durch öffentlich-private Partnerschaften hat sich Bayer in den landwirtschaftlichen Institutionen Indiens verankert. Das Unternehmen arbeitet mit dem Indian Council of Agricultural Research (ICAR), staatlichen landwirtschaftlichen Universitäten und staatlichen Beratungsprogrammen zusammen. Das Unternehmen ist Mitautor des Drehbuchs der „modernen Landwirtschaft“ und verkauft dann die Werkzeuge, um es zu befolgen. Das Ergebnis ist ein politisches Umfeld, in dem Alternativen – Saatguteinsparung, ökologische Methoden, Agrarökologie – als rückständig oder ineffizient abgestempelt werden.

Dies ist nicht nur eine Marktabschöpfung. Es handelt sich um epistemische Eroberung.

Die digitalen Plattformen von Bayer, wie FarmRise, bieten „Empfehlungen“ an, die neutral erscheinen, aber so kalibriert sind, dass sie die eigenen Betriebsmittelregelungen stärken. Ein Landwirt, der eine Empfehlung für ein Pestizid erhält, erfährt nur selten, dass die Beratung mit demselben Unternehmen verbunden ist, das die Chemikalie verkauft. Die Grenze zwischen Beratung und Werbung verschwindet.

Und sobald der Landwirt in das System eingebunden ist, schränkt sich seine Auswahl ein. Das Saatgut erfordert das Herbizid. Das Herbizid erfordert die Beratung. Die Beratung erfordert die App. Und die App erfordert, dass der Landwirt zu einem Datensubjekt wird, das erfasst, verfolgt und genötigt wird.

Dies ist eine gewollte Abschottung.

Bei der Grünen Revolution ging es nie nur um den Ertrag – es ging um Kontrolle. Das Modell von Bayer ist ihr digitaler Nachfahre. Es ersetzt die Allmende durch Verträge, die Saatgutbank durch einen Strichcode und das Wissen der Landwirte durch ein Armaturenbrett.

Und es tut dies mit einem Lächeln.

Die Sprache ist immer wohlwollend: Stärkung der Handlungskompetenz, Widerstandsfähigkeit, klimafreundlich. Aber die Ergebnisse sind messbar: abnehmende Bodengesundheit, steigende Betriebsmittelkosten und eine stille Erosion der Autonomie. Der Landwirt ist nicht mehr der Urheber seiner Praxis. Er ist der Endpunkt einer Versorgungskette – optimiert, standardisiert und letztlich entbehrlich.

Das ist keine Innovation. Es ist Konzernimperialismus im Laborkittel.

Und es geht nicht nur um Bayer. Es geht um das System, das dieses Modell belohnt – in dem die Politik von denjenigen gestaltet wird, die von ihren Folgen profitieren, und in dem die Zukunft der Landwirtschaft nicht in der Erde, sondern im Code geschrieben wird.

Die Frage ist nicht, ob das Modell von Bayer funktioniert. Das tut es – unter seinen eigenen Bedingungen. Die Frage ist nur: für wen?

Colin Todhunter ist ein unabhängiger Forscher und Autor. Der obige – ins deutsche übersetzte – Artikel stammt aus seinem neuen öffentlich-zugänglichen Buch Digital Harvest: Unmasking the Corporate Enclosure of Food. Das Buch kann unter https://figshare.com/authors/Colin_Todhunter/21220973 gelesen oder heruntergeladen werden.

Bild: https://chemanager-online.com/media/story_section_image/47021/img-01-bayer-cross.jpg

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